Krone-Schmalz und die Istanbul-Verhandlungen: Was an der Erzählung über einen verpassten Frieden belegt ist!.TA
Krone-Schmalz und die Istanbul-Verhandlungen: Was an der Erzählung über einen verpassten Frieden belegt ist

Gabriele Krone-Schmalz stellt in einer aktuellen Debatte über den Ukrainekrieg erneut die Frage, ob die westliche Politik im Frühjahr 2022 ausreichend auf eine diplomatische Beendigung des Konflikts gesetzt hat. Im Mittelpunkt stehen dabei die Gespräche von Istanbul.
Tatsächlich verhandelten ukrainische und russische Delegationen Ende März 2022 in der Türkei über mögliche Grundlagen für eine Beendigung des Krieges. Die ukrainische Seite stellte unter anderem einen neutralen Status und internationale Sicherheitsgarantien zur Diskussion.
Die damaligen Gespräche waren jedoch kein bereits unterschriftsreifes Friedensabkommen. Vielmehr existierten verschiedene Entwürfe und offene Streitpunkte. Zu den zentralen Fragen gehörten die konkrete Ausgestaltung von Sicherheitsgarantien, der militärische Status der Ukraine und territoriale Fragen.
r späteren westlichen Unterstützung für die Ukraine. Ihrer Darstellung zufolge habe insbesondere die westliche Staatengemeinschaft kein ausreichendes Interesse daran gehabt, die Gespräche zu einem erfolgreichen Abschluss zu führen.
Für diese weitreichende Schlussfolgerung gibt es allerdings keinen dokumentierten Beleg in der Form eines gemeinsamen westlichen Beschlusses, Friedensverhandlungen grundsätzlich zu verhindern. Die verfügbaren Quellen zeigen vielmehr eine komplexe Mischung aus Diplomatie, militärischer Unterstützung und unterschiedlichen Einschätzungen.
Besonders häufig wird in diesem Zusammenhang der NATO-Gipfel vom 24. März 2022 genannt. Dort bekräftigten die Bündnisstaaten ihre Unterstützung für die Ukraine und forderten Russland zugleich zum Abzug seiner Truppen und zur Aufnahme ernsthafter Diplomatie auf.
Auch die zeitliche Zuordnung im vorliegenden Transcript bedarf einer Korrektur. Die Aussage des damaligen US-Verteidigungsministers Lloyd Austin über eine gewünschte militärische Schwächung Russlands fiel nicht am Tag nach dem NATO-Gipfel, sondern am 25. April 2022.
Austin erklärte damals nach seinem Besuch in Kiew, die USA wollten Russland so weit schwächen, dass es nicht mehr zu einem vergleichbaren Angriff fähig sei. Diese Aussage ist dokumentiert, ihre politische Bedeutung wird jedoch bis heute unterschiedlich interpretiert.
Der Zusammenhang mit den Istanbul-Verhandlungen ist deshalb nicht unmittelbar. Zwischen dem NATO-Gipfel Ende März, den Gesprächen in Istanbul und Austins Äußerungen Ende April lagen mehrere Wochen, in denen sich die militärische und politische Lage erheblich verändert hatte.
Eine weitere zentrale Figur der Debatte ist Boris Johnson. Der damalige britische Premierminister reiste am 9. April 2022 überraschend nach Kiew und traf dort den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. London kündigte bei diesem Besuch zusätzliche militärische und wirtschaftliche Unterstützung an.
In der politischen Debatte wird daraus teilweise die Behauptung abgeleitet, Johnson habe Selenskyj ausdrücklich davon abgehalten, einen bereits ausgehandelten Frieden zu unterzeichnen. Dafür gibt es jedoch keinen öffentlich belegten Nachweis in den offiziellen Gesprächsdokumenten.
Die britische Regierung stellte Johnsons Besuch vielmehr als Zeichen langfristiger Unterstützung für die Ukraine dar. In seiner öffentlichen Erklärung sprach Johnson davon, die Ukraine militärisch und wirtschaftlich zu unterstützen und ihre Fähigkeit zur Selbstverteidigung langfristig zu stärken.
Auch die ukrainische Seite stellte den Besuch nicht als Abbruch einer fertigen Friedensvereinbarung dar. Selenskyj erklärte am selben Tag, man habe über den Stand der Verhandlungen mit Russland und über notwendige Sicherheitsgarantien gesprochen.
Damit bleibt die Frage nach Johnsons tatsächlichem Einfluss auf die Verhandlungen politisch interessant, aber historisch schwieriger zu beantworten, als es die zugespitzte Darstellung im Transcript nahelegt. Die verfügbaren Quellen belegen seinen Besuch, nicht jedoch ein eindeutiges Ultimatum.
Eine besondere Rolle spielt außerdem die ukrainische Position selbst. Kiew hatte im März tatsächlich Neutralität als Verhandlungselement angeboten, verlangte dafür jedoch Sicherheitsgarantien. Genau diese Verbindung war entscheidend, weil eine neutrale Ukraine ohne glaubwürdige Schutzmechanismen aus ukrainischer Sicht erhebliche Risiken bedeutet hätte.
Die später veröffentlichten Rekonstruktionen der Verhandlungen zeigen zudem, dass die Differenzen keineswegs auf die NATO-Frage beschränkt waren. Auch die Funktionsweise möglicher Sicherheitsgarantien, militärische Beschränkungen und territoriale Fragen blieben problematisch.
Ähnlich umstritten ist die Rolle des Massakers von Butscha. Krone-Schmalz argumentiert, die dort bekannt gewordenen Verbrechen würden nachträglich als Hauptgrund für das Scheitern der Gespräche dargestellt. Tatsächlich veränderten die Ereignisse in Butscha das politische Umfeld der Verhandlungen erheblich.
NATO-Vertreter verwiesen Anfang April auf die Tötung von Zivilisten in Butscha und forderten eine Untersuchung möglicher Kriegsverbrechen. Gleichzeitig liefen diplomatische Kontakte zu diesem Zeitpunkt weiter. Ein einfacher Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zwischen Butscha und dem endgültigen Ende der Gespräche greift daher zu kurz.

Die These, Butscha habe allein ein bereits fertiges Abkommen verhindert, ist deshalb ebenso wenig belegt wie die Gegenbehauptung, der Westen habe ausschließlich wegen eigener Interessen auf einen Verhandlungsabbruch hingearbeitet. Die Entwicklung hatte mehrere miteinander verbundene politische und militärische Faktoren.
Ein weiterer Punkt des Transcripts betrifft die wirtschaftlichen Interessen der Rüstungsindustrie. Tatsächlich reagieren Aktien von Rüstungsunternehmen auf Erwartungen hinsichtlich geopolitischer Spannungen, staatlicher Beschaffung und möglicher Entspannung. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass Unternehmen oder Anleger politische Entscheidungen zur Fortsetzung eines Krieges bestimmen.
Der Begriff „Friedensangst“ wurde tatsächlich in der Finanzberichterstattung über Rheinmetall verwendet. Börse Express veröffentlichte 2025 eine entsprechende Schlagzeile; auch n-tv berichtete 2026 über Belastungen von Rüstungsaktien durch mögliche geopolitische Entspannung.
Diese Kursreaktionen zeigen einen ökonomischen Zusammenhang, sind aber kein Beweis für eine politische Verschwörung. Börsenkurse spiegeln Erwartungen über zukünftige Aufträge, Verteidigungsbudgets und Unternehmensgewinne wider. Daraus lässt sich nicht unmittelbar ableiten, dass westliche Regierungen Frieden verhindern wollen.
Genau hier liegt die zentrale Trennlinie zwischen den belegbaren Fakten und der Interpretation im Video. Dass militärische Unterstützung für die Ukraine politische und wirtschaftliche Interessen berührt, ist dokumentierbar. Die Behauptung, diese Interessen seien der entscheidende Grund für die Fortsetzung des Krieges, bleibt dagegen eine politische Interpretation.
Krone-Schmalz stellt mit ihrer Argumentation eine grundsätzliche Frage nach dem Verhältnis von Diplomatie, militärischer Unterstützung und strategischen Interessen. Ihre Kritik richtet sich insbesondere gegen eine Politik, die aus ihrer Sicht diplomatische Möglichkeiten nicht ausreichend genutzt habe. Diese Position vertritt sie auch in anderen öffentlichen Auftritten.
Gleichzeitig sollte die damalige ukrainische Situation berücksichtigt werden. Kiew verhandelte unter militärischem Druck über Sicherheitsgarantien und einen möglichen Neutralitätsstatus, während russische Truppen weiterhin ukrainisches Staatsgebiet besetzt hielten. Die Bedingungen für einen tragfähigen Vertrag waren entsprechend außerordentlich schwierig.
Die Istanbul-Verhandlungen bleiben deshalb ein wichtiger Bestandteil der historischen Debatte über den Krieg. Sie zeigen, dass bereits wenige Wochen nach Beginn der russischen Invasion über Neutralität, Sicherheitsgarantien und eine politische Lösung gesprochen wurde. Sie beweisen jedoch nicht, dass ein fertiger Frieden lediglich am Widerstand westlicher Staaten scheiterte.
Auch die Aussage, der Westen habe grundsätzlich kein Interesse an einem Ende des Krieges, lässt sich aus den verfügbaren Dokumenten nicht als feststehende Tatsache ableiten. Westliche Staaten unterstützten die Ukraine militärisch, verhängten Sanktionen gegen Russland und erklärten zugleich öffentlich ihre Unterstützung für eine politische Lösung.
Die eigentliche politische Streitfrage lautet daher weniger, ob es 2022 überhaupt diplomatische Möglichkeiten gab. Das ist durch die Istanbul-Gespräche belegt. Umstritten bleibt vielmehr, warum diese Möglichkeiten nicht zu einem Abkommen führten und welchen Anteil die verschiedenen Akteure daran hatten.
Eine sachliche Bewertung muss dabei mehrere Ebenen auseinanderhalten: die tatsächlich vorliegenden Verhandlungsentwürfe, die Entscheidungen der ukrainischen Führung, die russischen Positionen, die westliche Unterstützungspolitik und die militärische Entwicklung. Erst diese Gesamtschau verhindert, dass aus einzelnen Aussagen eine umfassende Erklärung konstruiert wird.
Die Debatte über Krone-Schmalz zeigt damit vor allem, wie unterschiedlich die Ereignisse des Jahres 2022 bis heute interpretiert werden. Ihre Kritik an der westlichen Ukrainepolitik ist öffentlich dokumentiert und politisch relevant. Einige ihrer konkreten historischen Schlussfolgerungen gehen jedoch über das hinaus, was die verfügbaren Quellen eindeutig belegen.
Für die gegenwärtige Diskussion bleibt deshalb eine nüchterne Frage entscheidend: Welche diplomatischen Möglichkeiten bestanden damals tatsächlich, welche Bedingungen standen einer Einigung entgegen und welche Entscheidungen wurden von Moskau, Kiew und ihren internationalen Partnern getroffen? Genau diese Fragen sind für die historische Aufarbeitung wichtiger als zugespitzte Schuldzuweisungen.



