Krone-Schmalz und die deutsche Russlandpolitik: Wie weit trägt die Warnung vor einer Eskalation?_D
Krone-Schmalz und die deutsche Russlandpolitik: Wie weit trägt die Warnung vor einer Eskalation?

Gabriele Krone-Schmalz gehört seit Jahren zu den Stimmen, die eine grundsätzlich andere Bewertung der deutschen und europäischen Russlandpolitik fordern. In einer Rede von April 2023 stellte sie Diplomatie, Chronologie und Interessenausgleich ins Zentrum ihrer Kritik.
Der im Video verwendete Ausschnitt ist allerdings nicht aktuell. Krone-Schmalz hielt die Rede am 2. April 2023 beim ersten „Handwerker-Friedenskongress“ in Dessau. Ihre damaligen Warnungen werden nun erneut verbreitet und auf die heutige Lage übertragen.
Im Mittelpunkt ihrer Argumentation steht die Frage, wie politische Entscheidungen in Europa seit Beginn des russischen Großangriffs auf die Ukraine bewertet werden. Krone-Schmalz kritisiert dabei insbesondere eine aus ihrer Sicht zu konfrontative Sprache gegenüber Russland.
Ein Ausgangspunkt ihrer Rede war der Auftritt des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj im Europäischen Parlament. Tatsächlich sprach Selenskyj dort von der Bedrohung europäischer Werte durch Russland und warb für eine gemeinsame europäische Zukunft der Ukraine.
Auch Parlamentspräsidentin Roberta Metsola verband die Unterstützung der Ukraine mit europäischen Interessen. Sie erklärte im Februar 2023, die Ukraine kämpfe nicht nur für ihre eigenen Werte, sondern auch für europäische Werte, und sprach sich für einen möglichst schnellen Beitrittsprozess sowie zusätzliche militärische Unterstützung aus.
Krone-Schmalz sah in dieser politischen Sprache ein Warnsignal. Ihre These lautet, dass sich rhetorische Konfrontation schrittweise in politische und schließlich militärische Bereitschaft verwandeln könne. Sie plädierte deshalb dafür, die Risiken einer Eskalationsspirale stärker zu berücksichtigen.
Diese Einschätzung ist eine politische Analyse der Publizistin und keine feststehende Prognose. Gleichzeitig lässt sich feststellen, dass die Europäische Union ihre Unterstützung für die Ukraine seit 2023 tatsächlich weiter ausgebaut hat und zugleich auf eine diplomatische Lösung verweist.
Der Unterschied zwischen beiden Perspektiven ist wesentlich. Die EU begründet ihre Unterstützung mit der Verteidigung der ukrainischen Souveränität und der europäischen Sicherheitsordnung. Krone-Schmalz betrachtet dagegen vor allem die Gefahr einer weiteren Eskalation und fordert einen stärkeren Perspektivwechsel.
Besonders kontrovers ist ihre Darstellung der Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine im Frühjahr 2022. Tatsächlich fanden damals intensive Gespräche statt, zunächst in Belarus und später in Istanbul. Die Verhandlungen führten jedoch nicht zu einem endgültigen Friedensabkommen.

Dabei standen unter anderem Fragen der ukrainischen Neutralität, internationaler Sicherheitsgarantien, der Größe der ukrainischen Streitkräfte und territorialer Fragen auf der Tagesordnung. Die später bekannt gewordenen Entwürfe zeigen, dass es substanzielle Gespräche gab, zugleich aber erhebliche Differenzen zwischen den Parteien bestanden.
Krone-Schmalz verweist in diesem Zusammenhang auf den damaligen britischen Premierminister Boris Johnson und die These, er habe eine mögliche Beendigung des Krieges verhindert. Diese Darstellung ist jedoch umstritten und lässt sich nicht als eindeutig belegte alleinige Ursache für das Scheitern der Verhandlungen darstellen.
Zeitgenössische Berichte zeigen vielmehr ein kompliziertes Bild. Ende März 2022 gab es laut ukrainischen, russischen und türkischen Angaben Fortschritte bei den Gesprächen. Gleichzeitig äußerten westliche Regierungen erhebliche Zweifel an Russlands Verhandlungsbereitschaft und verwiesen auf die fortgesetzten Kampfhandlungen.
Auch die Rolle Boris Johnsons muss differenziert betrachtet werden. Ein britischer Regierungssprecher erklärte Ende März 2022, London werde Russland an seinen Taten messen und forderte den vollständigen Abzug russischer Truppen. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass Johnson ein fertiges Friedensabkommen verhindert habe.
Ein weiterer Schwerpunkt der Rede ist die Frage, ob Wladimir Putin tatsächlich verhandeln wolle. Krone-Schmalz warnt davor, die Absichten des russischen Präsidenten mit Gewissheit zu behaupten. Sie plädiert stattdessen für eine Analyse konkreter Interessen, Handlungen und zeitlicher Abläufe.
Diese methodische Forderung ist grundsätzlich nachvollziehbar: Politische Motive lassen sich selten unmittelbar beobachten. Zugleich bedeutet die Forderung nach Analyse nicht, dass sämtliche Interpretationen gleichermaßen plausibel sind. Gerade bei einem laufenden Krieg müssen Aussagen über Interessen und Absichten anhand überprüfbarer Handlungen bewertet werden.
Die Entwicklung seit 2023 liefert dafür ein ambivalentes Bild. Die Bundesregierung erklärt auch 2026, sie unterstütze Verhandlungsbemühungen und strebe einen umfassenden und nachhaltigen Frieden an. Gleichzeitig vertritt sie die Position, dass Russland belastbare Signale für ernsthafte Verhandlungen liefern müsse.
Auch die Europäische Union verbindet mittlerweile ausdrücklich zwei Elemente: politischen Druck auf Russland und Unterstützung diplomatischer Bemühungen. Der Europäische Rat erklärte im Juni 2026, er unterstütze diplomatische Anstrengungen und fordere zugleich einen vollständigen und bedingungslosen Waffenstillstand sowie ernsthafte Verhandlungen.
Damit ist die politische Realität differenzierter als die Gegenüberstellung „Diplomatie oder Waffen“. Die europäische Position besteht derzeit aus einer Kombination von militärischer Unterstützung, Sanktionen, Sicherheitsgarantien und der Forderung nach Verhandlungen. Krone-Schmalz setzt dagegen deutlich stärkere Prioritäten auf Deeskalation und politische Verständigung.
Ähnlich kontrovers ist ihre Argumentation zur Energiepolitik. Krone-Schmalz kritisiert die verbreitete Aussage, Russland habe Deutschland den Gashahn zugedreht, und verweist auf die deutschen Entscheidungen, langfristig auf russische Energieimporte zu verzichten.
Die tatsächliche Entwicklung war komplexer. Russland reduzierte seine Gaslieferungen über Nord Stream 1 bereits 2022 erheblich und stellte sie schließlich vollständig ein. Gleichzeitig hatte die Bundesregierung selbst angekündigt, die Abhängigkeit von russischem Gas möglichst schnell zu reduzieren und alternative Lieferquellen aufzubauen.
Die Formulierung, Deutschland habe die gesamte Energiekrise selbst verursacht, wäre deshalb ebenso verkürzt wie die Behauptung, ausschließlich Russland habe die Entwicklung bestimmt. Politische Entscheidungen beider Seiten sowie die Veränderungen auf den europäischen Energiemärkten beeinflussten die Situation.
Interessant ist auch Krone-Schmalz’ Einwand gegen den Begriff der „Abhängigkeit“. Sie argumentiert, dass wirtschaftliche Verflechtungen in einer globalisierten Welt unvermeidbar seien. Ihre Kritik richtet sich damit nicht nur gegen Russlandpolitik, sondern gegen die Vorstellung, strategische Sicherheit lasse sich durch vollständige wirtschaftliche Entkopplung herstellen.
Die EU hat inzwischen dennoch eine deutliche Reduzierung ihrer Energieabhängigkeit von Russland beschlossen. Gleichzeitig verfolgt sie weiterhin eine Sanktionspolitik, die ausdrücklich auch russische Energieeinnahmen treffen soll. Im Juli 2026 verabschiedete der Rat das 21. Sanktionspaket gegen Russland.
Auch beim Verhältnis zwischen der Ukraine und der Europäischen Union hat sich die Lage seit Krone-Schmalz’ Rede weiterentwickelt. Die Ukraine ist inzwischen offiziell im Beitrittsprozess. Im Juni 2026 eröffnete die EU das erste Verhandlungscluster; im Juli folgte das Cluster für Außenbeziehungen.
Damit ist die von Krone-Schmalz kritisierte politische Verbindung zwischen europäischer Unterstützung und ukrainischer EU-Perspektive inzwischen institutionell weiter fortgeschritten. Gleichzeitig betont die EU, dass der Beitritt an konkrete Reformen und die Erfüllung europäischer Standards gebunden bleibt.
Ihre Warnung vor einer zunehmenden Normalisierung militärischer Sprache bleibt deshalb vor allem eine politische Intervention. Sie fordert, die Risiken einer Eskalation stärker zu berücksichtigen und auch Perspektiven außerhalb Europas einzubeziehen. Ob daraus eine tragfähige alternative Strategie entsteht, ist eine politische Frage.
Bemerkenswert ist schließlich, dass Krone-Schmalz ihre Argumentation nicht mit einer konkreten Vorhersage eines unmittelbar bevorstehenden Krieges abschließt. Ihr zentraler Appell lautet vielmehr, Feindbilder abzubauen, historische Abläufe zu berücksichtigen und Diplomatie nicht nur rhetorisch, sondern als tatsächliches politisches Instrument zu verstehen.
Die heutige Situation bestätigt dabei weder vollständig ihre damalige Analyse noch widerlegt sie sie insgesamt. Der Krieg dauert weiterhin an, Europa unterstützt die Ukraine, Russland steht unter umfangreichen Sanktionen, und gleichzeitig bleibt eine Verhandlungslösung erklärtes Ziel europäischer Politik.

Gerade darin liegt die politische Relevanz ihrer Rede: Sie erinnert daran, dass sicherheitspolitische Entscheidungen immer auch Risiken und Nebenwirkungen besitzen. Ihre Kritiker wiederum verweisen darauf, dass Diplomatie ohne glaubwürdige Sicherheitsgarantien und ohne Berücksichtigung ukrainischer Interessen kaum zu einem dauerhaften Frieden führen könne.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Krone-Schmalz mit jeder ihrer damaligen Einschätzungen recht behalten hat. Entscheidend ist vielmehr, welche Elemente ihrer Kritik für die heutige Debatte relevant bleiben: die Bedeutung von Chronologien, die Grenzen militärischer Eskalation und die Frage, unter welchen Bedingungen Verhandlungen tatsächlich Aussicht auf einen stabilen Frieden haben.


