Im Paul-Löbe-Haus des Bundestages hat die AfD-Bundestagsfraktion ihren ersten “Demokratiekongress” veranstaltet. Das Ereignis, an dem rund 500 Personen teilnahmen, stand unter dem programmatischen Schwerpunkt der Meinungsfreiheit und der Kritik an aktuellen Gesetzen und EU-Regularien.TA
Die Eröffnungsrede der Fraktionsvorsitzenden Alice Weidel sorgte dabei für eine intensive Debatte über den politischen Stil der Partei und die Glaubwürdigkeit ihrer Forderungen.

Weidels Plädoyer für offene Debattenkultur In einem bewusst staatstragenden und nachdenklichen Tonfall warnte Alice Weidel vor einem schrittweisen Verlust der demokratischen Lebendigkeit. Sie betonte, dass Demokratien selten durch einen plötzlichen Schlag endeten, sondern durch den Verlust von Offenheit, Vertrauen und freiem Gedankenaustausch. Eine funktionierende Demokratie brauche dringend den mutigen Widerspruch und Journalisten, die “Missstände aufdecken statt Macht zu verwalten”.
Besonders scharf kritisierte Weidel gesellschaftliche Entwicklungen, in denen politische Gegner nicht mehr sachlich widerlegt, sondern “delegitimiert” würden. Sie beklagte, dass viele Menschen das Gefühl hätten, abweichende Meinungen seien zwar formal erlaubt, faktisch jedoch unerwünscht und mit sozialen, beruflichen oder staatlichen Sanktionen bedroht. Sie forderte dazu auf, über Ideen zu streiten, “ohne die Würde des Gegenübers in Frage zu stellen”. Auffällig war dabei, dass Weidel in ihrer rund achtminütigen Rede völlig auf konkrete Beispiele, Namen oder spezifische Gesetze verzichtete und auf einer rein prinzipiellen Ebene blieb.

Kritikpunkte des Kongresses und faktische Einordnung Die konkreten Angriffe auf politische Institutionen übernahmen die geladenen Gastredner, darunter der ehemalige Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen und der frühere tschechische Präsident Václav Klaus. Im Fokus der Kritik des Kongresses standen unter anderem der europäische “Digital Services Act” sowie der §188 des Strafgesetzbuches (Beleidigung von Personen des politischen Lebens), der von der AfD als “Majestätsbeleidigungsparagraph” attackiert wurde.
Kritische Beobachter weisen in diesem Zusammenhang auf Fakten hin, die auf dem Kongress unerwähnt blieben. So wurde der §188 im Jahr 2021 von der damaligen Großen Koalition aus Union und SPD eingeführt. Als Antragsdelikt schützt er zudem Politiker aller Ebenen und Parteien – somit auch Kommunalpolitiker der AfD – vor Hasskriminalität.
Vorwurf der Doppelmoral Die größte Kontroverse löste jedoch der von Weidel gesetzte Maßstab eines respektvollen politischen Umgangs aus. Beobachter und politische Gegner konfrontieren die AfD-Chefin unmittelbar mit ihrer eigenen rhetorischen Praxis. Während Weidel beim Kongress den Schutz der “Würde des Gegenübers” forderte, ist ihr politischer Alltag im Bundestag von massiven persönlichen Angriffen geprägt. Als Beispiele wurden Äußerungen angeführt, in denen sie Robert Habeck (Grüne) als “Wirtschaftszerstörungsminister” betitelte, Friedrich Merz (CDU) eine Stimmabgabe für den “Krieg” vorwarf und Regierungsmitglieder pauschal als “alte Versager” bezeichnete.
Fazit Der AfD-Demokratiekongress zeigt die Strategie der Partei, sich als alleinige Verteidigerin der Meinungsfreiheit zu inszenieren. Während Weidels Grundsatzrede in der Theorie demokratische Ideale beschwört, offenbart der Abgleich mit der harten, diffamierenden Wahlkampfrhetorik der AfD eine tiefe Diskrepanz zwischen Anspruch und eigener Praxis.


