Gabriele Krone-Schmalz und die Frage nach dem Feindbild: Wie viel Deutung verträgt politischer Journalismus?.TA
Gabriele Krone-Schmalz und die Frage nach dem Feindbild: Wie viel Deutung verträgt politischer Journalismus?
Die deutsche Journalistin und Publizistin Gabriele Krone-Schmalz stellt in einer viel diskutierten Rede die Frage, welche Rolle Medien bei der politischen Meinungsbildung spielen. Im Mittelpunkt steht ihre Kritik an Feindbildern, moralischer Aufladung und sogenanntem „Haltungsjournalismus“.
Krone-Schmalz verfügt über langjährige journalistische Erfahrung. Von 1987 bis 1991 arbeitete sie als ARD-Korrespondentin in Moskau und moderierte anschließend den „Kulturweltspiegel“. Heute tritt sie vor allem als freie Journalistin, Autorin und Rednerin zu Fragen des Verhältnisses zwischen Russland und dem Westen auf.
In ihrer Argumentation geht es zunächst um ein grundlegendes Prinzip demokratischer Öffentlichkeit: Bürger müssten Zugang zu möglichst unterschiedlichen Informationen erhalten, um politische Entscheidungen selbstständig beurteilen zu können. Journalisten sollten diesen Prozess unterstützen, nicht an die Stelle des Publikums treten.
Besonders kritisch äußert sich Krone-Schmalz zum Begriff des „Haltungsjournalismus“. Sie unterscheidet dabei zwischen journalistischer Haltung im Sinne professioneller Integrität und einer Berichterstattung, die bereits vor der Darstellung eines Sachverhalts eine bestimmte politische Bewertung vorgibt.
Ihre These lautet, dass Journalismus seine gesellschaftliche Funktion verliert, wenn politische Argumente ausschließlich moralisch interpretiert werden. Eine Gegenposition könne dadurch bereits als illegitim erscheinen, bevor sich das Publikum überhaupt mit ihren tatsächlichen Argumenten auseinandergesetzt habe.
Feindbilder als politisches Instrument?
Krone-Schmalz verbindet diese Überlegungen mit der These, politische Akteure könnten Feindbilder nutzen, um Entscheidungen leichter durchzusetzen. Als Beispiel nennt sie Russland und die Vorstellung einer möglichen russischen Bedrohung für Polen, die baltischen Staaten oder letztlich auch Deutschland.
Diese Darstellung ist allerdings als politische Interpretation der Rednerin zu kennzeichnen. Aus der Existenz von Warnungen vor russischen Sicherheitsrisiken folgt nicht automatisch, dass diese bewusst konstruiert oder ausschließlich zur Manipulation der Bevölkerung eingesetzt werden.
Besonders kontrovers wird ihre Argumentation dort, wo sie aktuelle Berichterstattung über den Krieg in der Ukraine mit historischen Beispielen verbindet. Sie warnt davor, dass wiederholte Vereinfachungen langfristig politische Wahrnehmungen prägen könnten, selbst wenn einzelne Behauptungen später korrigiert werden.
Ein konkretes Beispiel ist der Flug von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nach Bulgarien im August 2025. Zunächst wurde berichtet, dass das Flugzeug während des Anflugs auf Plowdiw mit GPS-Problemen konfrontiert gewesen sei und möglicherweise russische Störungen dahintersteckten.
Spätere Überprüfungen zeichneten jedoch ein deutlich komplizierteres Bild. Euronews berichtete, dass die Angaben über eine einstündige Verzögerung und eine Landung mithilfe von Papierkarten nicht mit den verfügbaren Flugdaten und den Angaben bulgarischer Behörden übereinstimmten.
Auch die Ursache der Navigationsprobleme blieb umstritten. Während EU-Vertreter zunächst von GPS-Störungen und einem möglichen russischen Zusammenhang sprachen, fanden sich später unterschiedliche Einschätzungen darüber, ob tatsächlich ein Jamming- oder Spoofing-Vorfall nachgewiesen werden konnte.
Gerade dieses Beispiel zeigt die eigentliche journalistische Herausforderung: Eine anfängliche Meldung kann sich später als unvollständig erweisen, ohne dass daraus automatisch eine absichtliche Manipulation folgt. Zwischen Fehler, ungesicherter Information und bewusster Desinformation muss deshalb unterschieden werden.
Der Streit um die Chronologie des Ukraine-Krieges
Ähnlich kontrovers ist Krone-Schmalz’ Darstellung des Kriegsbeginns in der Ukraine. Richtig ist, dass der bewaffnete Konflikt im Donbass 2014 begann und die ukrainische Regierung im April desselben Jahres eine sogenannte „Anti-Terror-Operation“ einleitete.
Die daraus gezogene Schlussfolgerung, der Krieg habe deshalb ausschließlich oder ursächlich mit einer ukrainischen Operation begonnen, greift jedoch zu kurz. Bereits vor Beginn der ukrainischen Operation hatten bewaffnete Gruppen staatliche Gebäude besetzt und Waffen beschafft; die Lage eskalierte zu einem bewaffneten Konflikt.
Damit wird ein zentraler Punkt der Debatte sichtbar: Historische Daten können korrekt wiedergegeben und dennoch durch ihre Auswahl unterschiedlich interpretiert werden. Eine journalistisch vollständige Darstellung muss deshalb nicht nur Daten nennen, sondern auch deren zeitlichen und politischen Zusammenhang erklären.
Georgien 2008 als Beispiel für historische Verkürzungen
Noch deutlicher zeigt sich dieses Problem beim Georgienkrieg von 2008. Krone-Schmalz verweist auf die internationale Untersuchungskommission unter Leitung der Schweizer Diplomatin Heidi Tagliavini, die im Auftrag der EU eingesetzt wurde, um Ursachen und Verlauf des Konflikts zu untersuchen.
Die Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass die offenen groß angelegten Kampfhandlungen in der Nacht vom 7. auf den 8. August mit einem georgischen Militäreinsatz gegen Zchinwali und Umgebung begannen. Gleichzeitig betonte sie ausdrücklich, dass diese Eskalation Teil einer längeren Kette von Spannungen, Provokationen und Zwischenfällen gewesen sei.
Damit ist die Aussage, Georgien habe die offenen groß angelegten Kampfhandlungen begonnen, durch die internationale Untersuchung gedeckt. Daraus folgt jedoch nicht die weitergehende Darstellung, Russland sei lediglich ein unbeteiligter Reagierender gewesen. Russische Streitkräfte drangen anschließend weit in georgisches Territorium vor.
Die Untersuchung beschreibt den Konflikt daher nicht als einfache Geschichte eines einzigen Aggressors. Sie verweist auf die vorausgehende Eskalation, die georgische Offensive und anschließend auf die russische militärische Reaktion, die sich über die ursprüngliche Konfliktzone hinaus ausweitete.
Gerade hier wird deutlich, warum politische Kommunikation historische Ereignisse besonders sorgfältig behandeln muss. Wer ausschließlich den ersten militärischen Schritt hervorhebt, kann einen wichtigen Teil der Chronologie sichtbar machen – aber zugleich andere Ursachen und Konsequenzen aus dem Blick verlieren.
Journalismus zwischen Neutralität und Einordnung
Krone-Schmalz’ grundsätzliche Forderung nach Perspektivwechseln entspricht einem klassischen journalistischen Anspruch: Kontroverse Positionen sollten möglichst nachvollziehbar dargestellt und Tatsachen von Bewertungen getrennt werden. Schwieriger wird die Frage, wie weit diese Neutralität angesichts nachweisbarer Fakten reichen kann.
Journalistische Neutralität bedeutet schließlich nicht, jede Aussage unabhängig von ihrer Belegbarkeit gleich zu behandeln. Wenn eine Behauptung durch überprüfbare Quellen widerlegt wird, gehört auch diese Korrektur zur journalistischen Aufgabe. Ausgewogenheit darf deshalb nicht mit einer künstlichen Gleichstellung aller Positionen verwechselt werden.
Das gilt auch für den Begriff des „Feindbildes“. Russland wird in der deutschen und europäischen Politik gegenwärtig häufig als Sicherheitsrisiko behandelt. Ob einzelne Darstellungen darüber hinaus tatsächlich der bewussten Konstruktion eines Feindbildes dienen, ist dagegen eine interpretative Frage und muss anhand konkreter Fälle untersucht werden.
Krone-Schmalz selbst ist in dieser Debatte keine unbeteiligte Beobachterin. Ihre berufliche Laufbahn ist eng mit Russland verbunden, und sie hat wiederholt für eine differenzierte Betrachtung des Verhältnisses zwischen Russland und dem Westen plädiert. Ihre heutige Position ist daher auch vor diesem publizistischen Hintergrund einzuordnen.
Besonders aufmerksam betrachtet werden sollte schließlich das im Transkript verwendete Zitat Hermann Görings. Es stammt aus Gesprächen, die der amerikanische Gefängnispsychologe Gustave Gilbert während der Nürnberger Prozesse dokumentierte und später in seinem „Nuremberg Diary“ veröffentlichte.
Göring beschreibt darin, wie Regierungen ihrer Bevölkerung einen Angriff vermitteln und Pazifisten als unpatriotisch darstellen könnten. Der historische Kontext ist eindeutig die Perspektive eines führenden Nationalsozialisten nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Zitat ist deshalb kein Beweis dafür, dass heutige demokratische Staaten nach demselben Muster handeln.
Genau an diesem Punkt überschreitet die Argumentation im vorliegenden Video die Grenze zwischen historischer Analogie und politischer Schlussfolgerung. Aus der Ähnlichkeit einzelner rhetorischer Mechanismen lässt sich nicht automatisch ableiten, dass heutige demokratische Gesellschaften mit der NS-Zeit gleichzusetzen sind.
Die eigentliche demokratische Frage liegt deshalb weniger darin, ob Medien überhaupt Haltung zeigen dürfen. Entscheidend ist vielmehr, ob journalistische Berichterstattung nachvollziehbar zwischen Nachricht, überprüfbarer Tatsache, Analyse, Kommentar und politischer Bewertung unterscheidet.
Das von Krone-Schmalz formulierte Ideal eines mündigen Publikums verweist damit auf ein grundsätzliches Spannungsfeld moderner Medien. Bürger brauchen Orientierung und Einordnung, müssen aber zugleich erkennen können, welche Informationen belegt sind und an welcher Stelle eine journalistische oder politische Interpretation beginnt.
Die Debatte über Medien, Russland und den Ukrainekrieg bleibt deshalb komplex. Das Transkript liefert mehrere Beispiele für berechtigte Fragen nach Quellenlage, Korrekturen und historischer Einordnung, verbindet diese jedoch teilweise mit weitreichenden Schlussfolgerungen, die durch die genannten Belege allein nicht getragen werden.
Am Ende bleibt damit eine offene, aber zentrale Frage demokratischer Öffentlichkeit: Wie kann Journalismus zugleich klar einordnen und kritisch hinterfragen, ohne selbst zum politischen Akteur zu werden? Die Antwort liegt weniger in völliger Wertungsfreiheit als in Transparenz über Quellen, Unsicherheiten und Perspektiven.



