Gerhard Schröder, Friedrich Merz und der Ukraine-Krieg: Wie real waren die verpassten Friedenschancen von 2022?.TA
Gerhard Schröder, Friedrich Merz und der Ukraine-Krieg: Wie real waren die verpassten Friedenschancen von 2022?
Altkanzler spricht über Verhandlungen mit Russland – doch gab es tatsächlich einen fertigen Friedensplan?
Gerhard Schröder und seine Haltung zum Ukraine-Krieg sorgen erneut für politische Diskussionen. Im Mittelpunkt steht eine Frage, die seit Beginn der russischen Invasion immer wieder gestellt wird: Hätte der Krieg bereits im Frühjahr 2022 durch Verhandlungen beendet werden können?
Der frühere Bundeskanzler hat wiederholt erklärt, dass er damals Möglichkeiten für eine diplomatische Lösung gesehen habe. Seine Einschätzungen stehen im Gegensatz zu einer Politik, die auf militärische Unterstützung der Ukraine und eine klare Abgrenzung gegenüber Moskau setzt. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz vertritt einen solchen Kurs.
Doch zwischen politischer Bewertung und historisch belegbaren Tatsachen muss unterschieden werden. Zwar gab es 2022 intensive Gespräche zwischen Russland und der Ukraine. Ein fertig ausgehandelter Friedensvertrag, der lediglich noch hätte unterschrieben werden müssen, ist jedoch nicht belegt.

Istanbul 2022: Was bei den Friedensverhandlungen tatsächlich geschah
Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 begannen beide Seiten Gespräche über eine mögliche Beendigung des Krieges. Besonders wichtig waren die Verhandlungen in Istanbul Ende März 2022.
Diskutiert wurden unter anderem eine mögliche Neutralität der Ukraine, internationale Sicherheitsgarantien, die künftige militärische Ausrichtung des Landes und der Umgang mit umstrittenen Gebieten. Die Gespräche führten zu einem Kommuniqué und weiteren Vertragsentwürfen.
Damit gab es durchaus eine diplomatische Grundlage für weitere Verhandlungen. Allerdings blieben zentrale Fragen offen. Insbesondere die konkreten Sicherheitsgarantien, die territoriale Zukunft der Krim und des Donbass sowie die Begrenzung ukrainischer Streitkräfte waren zwischen den Parteien umstritten.
Hinzu kamen die militärischen Entwicklungen und die Bekanntwerdung der Gräueltaten in Butscha. Diese Ereignisse verschärften die politische Lage und erschwerten eine Fortsetzung der Gespräche.
Eine ausführliche Einordnung der damaligen Verhandlungen bietet auch der Faktencheck von Mimikama vom August 2026.
Schröders Vorwurf: Die Ukraine habe bei den USA nachfragen müssen
Gerhard Schröder äußerte sich bereits im Oktober 2023 in einem Interview mit der Berliner Zeitung zu den Verhandlungen. Dabei behauptete er, die ukrainische Seite habe bei den Gesprächen in Istanbul nicht frei entscheiden können und sich bei wichtigen Fragen zunächst mit den USA abstimmen müssen.
Seine Aussage, die Ukrainer hätten keinen Frieden vereinbart, „weil sie nicht durften“, wurde anschließend vielfach aufgegriffen. Allerdings blieb offen, auf welche konkreten Belege Schröder seine Einschätzung stützte.
Auch in späteren Gesprächen sprach der Altkanzler von einer möglichen Verhandlungslösung und seiner damaligen Vermittlungsrolle. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass ein fertiger Vertrag bereits vorlag oder dass eine einzelne ausländische Regierung das Scheitern der Gespräche verursacht hat.
Die Berliner Zeitung dokumentierte Schröders Darstellung im Interview vom 21. Oktober 2023. Eine kritische Einordnung seiner Aussagen veröffentlichte auch n-tv.
Welche Rolle spielte Boris Johnson?
Besonders häufig wird in der Debatte der damalige britische Premierminister Boris Johnson genannt. Er besuchte Kiew im April 2022 und sprach sich gegen ein Abkommen aus, das aus seiner Sicht Russland Vorteile verschaffen könnte.
Daraus entstand die Darstellung, Johnson habe die Ukraine von einem möglichen Friedensschluss abgehalten. Eine eindeutige historische Bestätigung dieser Erzählung gibt es jedoch nicht.
Die Verhandlungen waren zu diesem Zeitpunkt bereits von erheblichen Differenzen geprägt. Zudem hatte sich die militärische Situation verändert, während die ukrainische Regierung nach den Ereignissen in Butscha ihre Haltung gegenüber Russland verschärfte.
Auch der ukrainische Verhandlungsführer Dawyd Arachamija hat in späteren Aussagen mehrere Gründe für das Scheitern der Gespräche genannt. Die Vorstellung, ein einzelner Besuch Johnsons habe einen bereits fertigen Friedensvertrag verhindert, greift deshalb zu kurz.
Warum Schröder und Merz unterschiedliche außenpolitische Vorstellungen vertreten
Die Debatte über mögliche Friedenschancen betrifft auch die heutige deutsche Außenpolitik. Friedrich Merz setzt auf die Unterstützung der Ukraine und betont die Verantwortung Russlands für den Angriffskrieg. Schröder wiederum wirbt seit Jahren für diplomatische Kontakte und eine politische Verständigung mit Moskau.

Die beiden Positionen stehen für unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie Deutschland mit Russland umgehen sollte. Dabei spielt auch Schröders langjährige persönliche und geschäftliche Nähe zu Putin eine Rolle. Seine Tätigkeiten für russische Energieunternehmen haben seine Glaubwürdigkeit in der Debatte über eine mögliche Vermittlerrolle wiederholt zum Thema gemacht.
Im Mai 2026 brachte Putin Schröder selbst als möglichen europäischen Vermittler ins Gespräch. Die Bundesregierung reagierte zurückhaltend. Auch aus der Ukraine kam deutliche Kritik an der Idee. Tagesschau berichtete am 10. Mai 2026 über die unterschiedlichen Reaktionen.
Im Oktober 2026 sorgte Schröders Besuch bei Putin zu dessen Geburtstag erneut für politische Spannungen. Merz kritisierte den Besuch laut Reuters deutlich. Damit wurde das Verhältnis zwischen dem Altkanzler, der Bundesregierung und der Russland-Politik erneut öffentlich diskutiert.
Fazit: Friedenschance oder politische Rückschau?
Die Istanbul-Verhandlungen im Frühjahr 2022 waren real und zeigten, dass beide Seiten zeitweise über diplomatische Wege zur Beendigung des Krieges sprachen. Ein unterschriftsreifer Friedensvertrag ist daraus jedoch nicht hervorgegangen.
Gerhard Schröders Einschätzung, dass damals mehr möglich gewesen wäre und westliche Akteure Einfluss auf die ukrainische Position hatten, bleibt eine umstrittene politische Bewertung. Ein belastbarer Nachweis für eine gezielte westliche Sabotage eines bereits ausgehandelten Friedensabkommens liegt nicht vor.
Die entscheidende Frage bleibt deshalb nicht nur, wer damals welche Position vertrat, sondern auch, welche Bedingungen tatsächlich auf dem Verhandlungstisch lagen – und ob sie für beide Kriegsparteien akzeptabel gewesen wären.


